von Vanessa Nisanat Knauer

Auf der Frankfurter Buchmesse kamen Expert:innen des europäischen Konsortiums EURead zusammen, um im Rahmen der Read-for-Real-Kampagne über Lesekompetenz, literarischen Austausch und die Zukunft des Lesens zu diskutieren. Im Zentrum stand die Frage, wie Lesen in Zeiten von Krieg und sinkenden Leseleistungen nachhaltig gestärkt werden kann.

Lesen ist eine Schlüsselkompetenz – für Bildung, Teilhabe und Demokratie. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) löste 2023 alarmierende Debatten aus: Rund ein Viertel der Kinder in Deutschland verlässt die Grundschule ohne ausreichende Lesefähigkeiten. Die letzte PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) zeigt zudem, dass auch die Lesekompetenz Erwachsener sinkt.

Für die Buchbranche hat das konkrete Folgen. Der schweizer Autor und Bookfluencer Josia Jourdan bringt es in seiner Buchmarkt-Kolumne auf den Punkt: „Wer nicht lesen kann, kauft auch keine Bücher.“

Ein europäisches Problem – und eine europäische Antwort  

Europaweit kämpfen 75 Millionen Menschen mit gravierenden Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. EURead, ein Zusammenschluss von 34 Organisationen (darunter die Stiftung Lesen), fordert deshalb: Lesen muss als Grundpfeiler individueller Entwicklung, gesellschaftlicher Teilhabe und demokratischer Stabilität anerkannt werden.

Die aktuelle Read-for-Real-Kampagne bringt Organisationen aus 27 europäischen Ländern zusammen. Sie soll Kreativität fördern und den direkten Austausch zwischen Autor:innen und einer jungen Leserschaft stärken. Ein Baustein ist der jährlich stattfindende Europäische Autor:innentag (11. November – 12. Dezember 2025).

Lesekompetenz als Fundament europäischer Gesellschaften

Beim Panel „EURead. Read for Resilience, Read for Real: How Reading Promotion Campaigns Strengthen the Book Sector“, moderiert von Daan Beeke (Stichting Lezen), betonte Georg Häusler (Europäische Kommission) gleich zu Beginn, warum stabile Strukturen für junge Leser:innen so wichtig sind. Nur wer positive Leseerfahrungen macht, bleibt langfristig beim Lesen. Dies sei ein entscheidender Faktor für die Zukunft des europäischen Buchmarktes.

Anne Bergman (Europäischer Verlegerband) hob die Rolle des Lesens für Empathie hervor – eine Grundvoraussetzung dafür, dass eine moderne, transnationale Gesellschaft funktionieren kann. Gleichzeitig warnte sie vor der zunehmenden Schwierigkeit junger Menschen, komplexe Texte zu entschlüsseln: Die „Lese-Krise“ sei längst im Buchmarkt angekommen.

Lesen als Form der Resilienz

Besonders eindrücklich waren die Stimmen aus der Ukraine. Vira Karasova und Olena Odynoka (Ukrainisches Buch-Institut) beschrieben, wie im Kriegsalltag Bildungswege zusammenbrechen und Kindern die Möglichkeit fehlt, sich eine Zukunft auszumalen. Lesen könne helfen, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten – doch Veranstaltungen müssten oft online stattfinden oder in Gebäuden mit Bunkerzugang.

Laura Trost (Stiftung Lesen) ergänzte: Lesen könne Rückzug, Kraft und Stabilität bieten, auch wenn „manche Probleme größer sind als andere“. Valentina Stoeva (Reading Foundation Bulgaria) formulierte es so:

„Reading is the root that stabilizes us. It shapes how we live, react and act in this world.” 

Was getan werden muss

Die Kampagne stellt zahlreiche Materialien bereit, um Lesefreude zu fördern – darunter Checklisten und Aufgaben, die Leser:innen spielerisch herausfordern. Gleichzeitig machten Karasova und Odynoka auf eine dramatische Dimension aufmerksam: Rund 200.000 ukrainische Kinder wurden verschleppt, viele von ihnen, bevor sie lesen gelernt haben. Ohne gezielte Programme drohe eine ganze Generation den Anschluss zu verlieren.

Ausblick: Ein europäischer Schulterschluss

Trotz der ernsten Themen endete das Panel hoffnungsvoll. Die Vertreter:innen aus Politik, Verlagswesen und zivilgesellschaftlichen Organisationen betonten den Wert einer transnationalen Zusammenarbeit. Beeke schloss mit dem Appell, diesen Austausch weiter auszubauen. Die Kernbotschaft war klar: Lesen ist weit mehr als eine funktionale Fähigkeit. Es ist Grundlage von Empathie, kritischem Denken und demokratischer Teilhabe – und gerade in Krisenzeiten unverzichtbar.