Wir Jungen Verlagsmenschen haben uns auf die Fahne geschrieben, die Zukunft mit zu gestalten. Zu Gast bei den 15. Lektorentagen in Hannover, habe ich LektorInnen getroffen, die auch dieses Anliegen haben. Die Fachtagung hatte thematisch den Wandel  der deutschen Sprache im Fokus und die Frage, welche Aufgabe den Berufsgruppen zukommt, die mit ihr tagtäglich arbeiten.

 

Nostalgie und Netzwerken

Nicht nur ich war zum ersten Mal beim Jahrestreffen der LektorInnen. Die Teilnehmerliste zählte 89 Mitglieder, darunter einige, die erst seit kurzem dabei sind. Zum Netzwerkabend im kleinen Lokal „Am Annateich“ mitten im Grünen führte ein kleiner Herbstspaziergang durch den Hermann-Löns-Park. Schon unterwegs begann das Kennenlernen, Austauschen und Erzählen. „Ach, die gute alte Zeit …“, da waren sich alle einig. Dass sich Verlage gut ausgestattete Lektorate leisteten und man sich drei bis vier Meinungen über einen Text einholen konnte, bevor er auslektoriert war; diese Zeiten sind ein für alle Mal Geschichte. Später am Abend fanden sich immer neue Tischgruppen zusammen. Für den Fall, dass der rote Gesprächsfaden doch abhandenkommen sollte, hatte das Orga-Team aus der Regionalgruppe Niedersachsen vorgesorgt. Kleine Gesprächskarten fragten nach privaten Schreibstuben, Arbeitsgewohnheiten im Netz und persönlichen Vorlieben bei der Kundenakquise.

Sebastian Lemke präsentiert den roten Leibnizkeks / Foto: ©Ingrid Hilgers

Sebastian Lemke präsentiert den roten Leibnizkeks / Foto: ©Ingrid Hilgers

Der rote Leibnizkeks

Andrea Görsch textet, twittert und lektoriert in ihrem @Wortladen in Hannover und ist Teil des Orga-Teams. Der rote Leibnizkeks (aka. Faden) für Lektoren ist ihrer Meinung nach die Anforderung, immer für eine Vielfalt von Aufgaben Ansprechpartner zu sein und Lösungen parat haben zu müssen. Das Lektorat ist der Knotenpunkt von Kreativität und Präzision, in dem die verschiedenen Fäden der Textarbeit zusammenlaufen. Dafür braucht es neue Wege, neue Inspiration! Die gab es am Ende des Netzwerkabends vor dem Lokal. Als Überraschung hatte das Orga-Team die Artistin und Feuerjongleurin Maren Eisler eingeladen, die einen beeindruckenden Feuertanz vorführte: „Feurige Leidenschaft braucht euer Beruf mit der Sprache!“ Alle waren begeistert.

 

 

 

 

Podiumsdiskussion / Foto: ©Inga Beißwängler

Podiumsdiskussion / Foto: ©Inga Beißwänger

Altes bewahren oder Neues kreieren?

 

Ausgestattet mit Kaffee und Keks startet der Samstag mit einer ausgiebigen Diskussion zum Thema Sprachwandel. Auf dem Podium brachten Annika Blanke (Slam-Poetin und Lehrerin), Susanne Iden (Journalistin), Klaus Mackowiack (Grammatiker), Stefan Bicker (Schulbuchredakteur) und Dr. Reiner Pogarell (Betriebslinguist und Ausbilder DaF) ihre geballte Sprachexpertise ein. Sabine Olschner verteilte als erfahrene Moderatorin das Wort und lenkte den Diskurs souverän. Sie schlug eine Dreiteilung vor, zu der das Podium Stellung bezog. Sollten professionelle SprachexpertInnen eher Altes bewahren, Neues nur zulassen oder Neues sogar mit kreieren?

Dass eine lebendige Sprache sich auch an den Wandel der Kultur anpassen muss, dem stimmten alle zu. Auch Plattdeutsch sei mal Hochsprache gewesen, brachte

R. Pogarell ein. „Ein Pferd kann man heute immer noch auf Plattdeutsch kaufen. Ein Auto nicht.“ Sprache muss die neuen Wege, die eine Gesellschaft einschlägt, mitgehen können, flexibel sein. Konsens. Die Meinungen gingen darüber auseinander, wo die Grenze gesetzt werden sollte; ab wann und wie genau die Faktoren, die die Sprache verändern, aktiv gebremst werden müssen; wie viel Denglisch als Teil des Kulturwandels in deutschen Texten stehen bleiben darf und wie negativ der aktuelle Trend hin zum Sprachverfall  in der nachwachsenden Generation ist. Kein endgültiger Konsens.

 

 

Beim Netzwerken/ Foto: ©Inga Beißwängler

Beim Netzwerken/ Foto: ©Inga Beißwängler

Frust und Freude

Am Nachmittag teilten sich alle in Workshop-Gruppen auf: richtig gendern, gute Grammatik, Kundenakquise, Textarbeit. Bei mir klang vom Vormittag noch nach, dass bei der Arbeit im Lektorat Frust und Freude eng beieinander liegen. Es gibt kaum einheitliche Standards, wann ein Text auslektoriert und objektiv gut ist. Differenzieren steht in der Tagesordnung der LektorInnen ganz oben. Deswegen habe ich den Textworkshop ausprobiert und den Fachfrauen und -männern bei ihrer Arbeit über die Schulter geguckt. Nach der Stoppuhr lektorierten wir

Beispielseiten: jeder mit einem leicht abweichenden Ergebnis. Bis ins kleinste Detail wurde akribisch über so manches „aber“ diskutiert und ob die Vorschläge des Lektorats zum dialektischen Stil und Textduktus passen. Richtig gutes Deutsch, das ist ein Balanceakt. Und die Leidenschaft dieser Berufsgilde.

 

Feuerartistin Maren Eisler in Aktion / Foto: ©Inga Beißwängler

Feuerartistin Maren Eisler in Aktion / Foto: ©Inga Beißwängler

Für Freelancer

Ausklang am Samstagabend beim Italiener. Ein Teil freut sich an dem beleuchteten Hannover bei einer Stadtführung. Am Sonntagvormittag bestätigten die vfll-Mitglieder den bestehenden Vorstand im Amt. Ich tauschte einige Visitenkarten aus und weiß jetzt, dass viele Mitglieder im vfll ehemalige Junge Verlagsmenschen sind. Falls du als nächsten Karriereschritt überlegst, als Freelancer einzusteigen, lohnt es sich, den VFLL kennenzulernen. Der Verband hat einen Leitfaden für das Freie Lektorat herausgegeben (www.vfll.de/leitfaden-freies-lektorat) und bietet Einsteigern viele Hilfestellungen. Einige Karrieregeschichten und Einsteigertipps habe ich am Wochenende für euch nachgefragt und hier zusammengestellt.

 

Einsteigertipps

Den Berufseinstieg in die Verlagswelt zu schaffen ist  oft nicht so einfach. Man braucht einen langen Atem, guten Kontakte und Glück! Auf den Lektorentagen in Hannover habe ich über die Kaffeetasse, beim Italiener und beim Spazierengehen die LektorInnen nach Tipps & Tricks gefragt. Jede Karrieregeschichte hat ihre eigene Spannung. Aber geschafft haben es am Ende alle.

 

  1. Lehne dich ruhig etwas weiter aus dem Fenster. Die besondere Herausforderung für Einsteiger ist es, sein Können selbstbewusst vorzubringen. Auch wenn dir noch nicht alle Details aus der Ausschreibung durch Praxiserfahrung griffig erscheinen – Sei mutig und vertraue auf deine Fähigkeiten.
  2. Freelancerpläne? Dann ist es sinnvoll, sich zuerst um die Kundenakquise zu kümmern, so dass man an Tag 1 der Selbstständigkeit direkt loslegen kann. Diese Reihenfolge ist weniger frustrierend.
  3. Mach deinen Erfahrungsmangel durch gute Kommunikation wett. Mit zielgerichteter Rücksprache gehst du sicher, dass du alle Anforderungen des Auftrags beachtet hast. So vermeidest du Fehler in deiner Bearbeitung und gleichst den Mangel an Erfahrung aus.
  4. Bewerben wo Bedarf ist. Traum-Arbeitsgeber Verlag? So geht es vielen. Die Verlagshäuser werden deswegen oft sehr bestürmt. Besser ist es, deine Dienstleistung direkt Unternehmen anzubieten, die ihre Onlineplattform oder ihre Kundenkommunikation aufrüsten wollen. Wo Bedarf ist, ist die Chance auf einen Auftrag größer.
  5. Glück gehabt! Erstaunlich, nicht eine Karrieregeschichte kommt ohne das entscheidende Quäntchen Glück aus. Also Kopf hoch und auf zu neuen Ufern!

 

Text: Annalena Pabst