Von Marlene Borchers

Rückläufige Leserzahlen, eine sich ändernde Literaturlandschaft und der Bedeutungsverlust des Feuilletons geben Anlass zur Sorge. Unter der Frage „Literatur – Kann das weg?“ diskutierten am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse die Autor:innen Felicitas Hoppe, Marko Martin, Mithu Sanyal und der Verleger Helge Malchow mit der aus dem Literarischen Quartett bekannten Moderatorin Thea Dorn.

„Literatur hatte immer einen großen Stellenwert“, sagt Thea Dorn, „Schriftsteller galten als das Gewissen der Nation. Aber kann Literatur dem noch gerecht werden?“ Helge Malchow erkennt vor allem eine Wandlung der Rezeption. Social-Media-Kanäle wie Booktok oder Bookstagram spielen eine immer größere Rolle und Influencer:innen beurteilen die Bücher oftmals nach emotionalen Maßstäben. Das sei nicht zwangsläufig schlecht, denn auch die Frage nach der emotionalen Wirkung eines Buches kann legitim sein. Werden Bücher allerdings nur noch nach narzisstischen oder polemischen Gesichtspunkten untersucht, so sei laut Malchow „Gefahr im Verzug“. Felicitas Hoppe erkennt hierin auch eine Chance. Junge Menschen sprechen anders – und über andere Themen. Dies sei aber nicht unbedingt ein Problem der jungen Leserschaft, sondern die Aufgabe der Schreibenden, sich damit auseinanderzusetzen.

Darf Literatur sich noch etwas trauen?

Fragen, die im amerikanischen Literaturdiskurs bereits angekommen sind, werden auch bei uns landen, so ist sich das Panel einig. Traut sich Literatur heute noch, gegen zementierte politische Zustände zu rebellieren und zu provozieren, oder ist das Potenzial, das Literatur hierfür bietet, mittlerweile nach rechts gewandert, wie es die Zensurbestrebungen, die in den USA erkennbar sind, vermuten lassen? Mithu Sanyal plädiert bei dieser Problematik für mehr Standhaftigkeit in der Literaturbranche. Auch wenn sie die Redefreiheit vorerst nicht in Gefahr sieht, erkennt sie eine zunehmende Selbstzensur bei ihren Kolleg:innen.

Gute Zeiten – schlechte Zeiten: Literatur steht immer unter Druck

Nicht nur die Literatur verändert sich, sondern auch die politische Stimmung. In Zeiten, in denen autoritäre Positionen Aufschwung bekommen, müssen Schreibende sich neu verorten, dasselbe gilt aber auch für Zeiten, die besser kaum sein könnten. Ob die Literatur durch technische Neuerungen wie KI oder politische Änderungen wie dem Rechtsruck aktiv bedroht ist oder gar durch friedliche Zeiten zur Bedeutungslosigkeit verdammt wird, kann in einer vergleichsweise kurzen Diskussion nicht abschließend geklärt werden. Am Ende steht die Zuversicht, dass die Literatur noch eine Weile dableiben wird – so lange wird weiter diskutiert, nicht nur auf Messebühnen, sondern überall dort, wo Literatur immer noch eine Rolle spielt.