Von Stefan Katzenbach
Künstliche Intelligenz spielt auch in der Buchbranche eine immer größere Rolle. Welche Auswirkungen dies speziell auf unabhängige Verlage, aber allgemein auch auf die Demokratie haben kann, das wurde am Donnerstag der Leipziger Buchmesse 2026 diskutiert.
Wahrheit konkurriere mit Geschwindigkeit und es existiere auch eine zunehmende Konkurrenz zwischen KI-Werken und Produkten von Autoren. In welche Schwierigkeiten bringt dies unabhängige Buchverlage, welche Möglichkeiten hätten diese zu einer demokratischen Kultur beizutragen und welche politischen und kulturellen Rahmenbedingungen bräuchten sie dafür?
Dies waren die Leitfragen mit denen Moderatorin Katharina Uppenbrinck die Diskussion im Panel Zwischen Algorithmus und Aufklärung: Unabhängige Verlage und die Zukunft der Demokratie in Zeiten von KI und Desinformation eröffnete. Bevor diese Fragen diskutiert wurden, wollte sie zunächst aber wissen: Wie ist die Entwicklung in der Verlagswelt und welche Aufgaben haben Verlage überhaupt?
„Verlage entscheiden, welche Bücher gelesen und gesehen werden“, so die Schriftstellerin Lena Gorelik. Als Autorin würde sie sich von diesen wünschen, dass sie den Mut hätten, „Texte zu bringen, die nicht als Bestseller prophezeit werden.“ Außerdem sollten sie sich „positionieren, der Kunst Raum bieten, um mutige Stimmen und literarisch-politische Texte erklingen zu lassen.“
„Ökosystem“ Buchbranche braucht Vielfalt
Sebastian Guggolz, aktueller Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels und Inhaber des Guggolzverlags sieht bei unabhängigen Verlagen eine besondere Motivation: Kleinverlage würden Bücher oft „aus Überzeugung für bestimmte Themen und Stimmen“ veröffentlichen, deren Motivation habe einen „inneren Antrieb.“ Hier sei ein „künstlerischer Anspruch“ sichtbar, der jedem unabhängigen Verlag immanent sei.
Sven Lehmann, der dritte Diskutant auf dem Panel, sitzt seit 2017 für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bundestag und leitet dort den Ausschuss zu Kultur und Medien. Er macht sich angesichts der wachsenden Rolle von KI Sorgen um die Vielfalt in der Buchbranche. Diese Branche sei ein „Ökosystem“, das eben nur durch diese Vielfalt funktioniere. Kleinere Verlage hätten daran entscheidenden Anteil: „Bestimmte Stimmen und Anliegen werden durch kleine Verlage erst sichtbar.“
Eine Sichtweise, die Lena Gorelik teilt und auch als Anliegen ihrer Arbeit sieht: „Ich will als Autorin unsichtbare Stimmen sichtbar machen.“ Dafür sei Literatur perfekt geeignet. Schließlich könne sie „dahin blicken, wo nicht alle Scheinwerfer hin scheinen.“
Insgesamt sieht sie im System Buchbranche aber „eine Reihe von Störungen“. Es gäbe Störungen von „außen“ sagte sie in Anspielung auf den Eklat rund um die Vergabe des deutschen Buchhandlungspreises und die Rolle von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sowie „von innen“. Grundsätzlich müssten Verlage „im Kapitalismus funktionieren“, dies führe zu einer problematischen Unterscheidung von Büchern die ‚funktionieren‘ und Büchern die nicht ‚funktionieren‘.
Literatur braucht Förderung – KI kann Menschen nicht komplett ersetzen
Dieses „Funktionieren Müssen“ der Verlage im Kapitalismus sieht auch Sven Lehmann kritisch. Er fragte: „Kann Literatur und Kunst in einem kapitalistischen System so funktionieren, dass es sich selbst trägt?“. Eine Frage, die in der Filmbranche beispielsweise gar nicht gestellt würde, dort sei Förderung an der Tagesordnung: „Viele Filme können nicht produziert werden ohne Förderung.“ Deswegen brauche es auch in der Buchbranche eine unabhängige Verlagsförderung durch die Politik, um die Vielfalt zu sichern.
Welche Möglichkeiten haben kleine Verlage nun, sich der Transformation zu stellen und welche Rolle spielt KI dabei?
Er habe mit Verlagen gesprochen, ob sie KI nutzten, so Lehmann. Die zunehmende Einflussnahme künstlicher Intelligenz sieht er dabei kritisch: „Ich mache mir Sorgen um ganze Berufsgruppen. Wieviel sind uns diese Berufsgruppen wert?“
Insbesondere im Bereich der Übersetzung fänden mittlerweile „Auftragseinbrüche“ statt, ergänzte Uppenbrink.
In diesen negativen Tenor wollte Sebastian Guggolz nicht einstimmen: „Ich kann die KI nicht komplett raushalten“, zeigte er sich überzeugt. In manchen Bereichen sei sie sehr nützlich, könne beispielweise bei „Lagermonitoring und Auflagengrößen helfen“.
Außerdem könne sie bei der Übersetzung fremdsprachiger Inhalte eine „erste Orientierung“ bieten. Komplett ersetzen könne sie aber menschliche Übersetzer:innen und auch Lektor:innen nicht: „KI kombiniert rein aus Bestehendem, sie folgt Wahrscheinlichem.“ Übersetzung dagegen habe „einen Standpunkt“ und müsse von einem Menschen gemacht werden, auch weil KI nur wörtlich übersetzen könne.
Lena Gorelik teilt diese Ansicht. Übersetzen sei ein „künstlerischer Prozess“, dies könne die KI nicht leisten.
KI sorgt für Umsatzeinbußen im Fachbuchsegment und bedroht Urheberrechte
Dennoch sieht Sebastian Guggolz manche Aspekte von KI in der Buchbranche auch kritisch. Insbesondere im Bereich Fachbuch seien die KI-Einflüsse spürbar. Dort sei der Markt für menschengemachte Bücher am meisten „eingebrochen“. Grund seien KI-generierte Bücher. Er gibt ein Beispiel: „Als Franziskus gestorben ist (am 21. April 2025, Anmerk.d. Red.), hat Herder eine Biographie angekündigt, zwischendurch ist aber ein KI-Buch erschienen. Das hat viel Interesse abgegriffen und das Interesse an der Biographie deutlich reduziert.“
Die Autorin Lena Gorelik sorgt sich im Zuge des zunehmenden Einflusses künstlicher Intelligenz und KI-generierter Bücher auch um die eigenen Texte: „Die Diskussion macht mir Angst, weil es für mich als Autorin darum geht: Wem gehört das Wort? Wo tauchen meine Sätze auf? Das ist geistiges Eigentum und wird hart erarbeitet. Es ist beängstigend, dass meine Sätze einfach so verwendet werden.“
Im Zuge dessen werde es auch immer schwerer zwischen KI-generierten Texten und Texten „echter“ Autor:innen zu unterscheiden.
Verlage und Buchhandlungen erweitern den politischen und gesellschaftlichen Raum
Eine Diskussion, die auch an der nationalen und internationalen Politik nicht spurlos vorbeigeht, wie Sven Lehmann betont: Mit dem sogenannten „AI-Act“ der EU werden verbindliche Vorgaben zur Nutzung künstlicher Intelligenz geschaffen.
So müssen künstlich erzeugte oder bearbeitete Inhalte (Audios, Bilder, Videos) eindeutig als solche gekennzeichnet werden und bei Grundrechten bei der Nutzung beachtet werden.
Außerdem legt er fest, welche nationalen Behörden des Bundes und der Länder für die Marktüberwachung und Notifizierung von KI-Systemen zuständig sind. Der entsprechende Gesetzesentwurf wurde am elften Februar 2026 beschlossen. Nach einer intensiven Diskussion auf europäischer Ebene stehe nun die nationale Umsetzung an, so Lehmann: „Da geht es darum: Wo können sich Urheber bei Verletzung ihrer Rechte hinwenden? Hat diese Behörde ausreichend Personal? Wir wollen, dass Kreative gestärkt werden.“
Und inwieweit können unabhängige Verlage zum Erhalt der Demokratie beitragen?
Sebastian Guggolz hat darauf eine klare Antwort: „Unabhängige Verlage präsentieren Unerwartetes. Das ist wichtig. Auch Buchhandlungen präsentieren das. Verlage und Buchhandlungen können den geistigen Raum erweitern. Sie erweitern den Raum des Politischen und des Gesellschaftlichen.“
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