Von Anita Schlitt
Wie stark hat sich die Kinder- und Jugendliteratur in den letzten Jahren diversifiziert, welche Rolle spielen dabei KI und diskriminierungskritische Sprache und wie wirkt sich das auf die Übersetzung aus? Dazu standen die Übersetzerinnen Nadine Püschel und Christel Kröning (in Vertretung für die erkrankte Karolin Viseneber) mit Dina Netz auf der Leipziger Buchmesse 2026 im Forum Übersetzen in Kooperation mit dem Deutschen Übersetzerfonds Rede und Antwort.
Spätestens seit dem Eklat um die Bezeichnung „Softpornos“ für Jugendbücher durch einschlägige Medien nach der Frankfurter Buchmesse 2025 ist die Kinder- und Jugendliteratur auch in den Medien präsent. Oft als nicht so tiefgründig und sprachlich weniger komplex abgetan, ist allerdings besonders in diesem Bereich in den letzten Jahren sehr viel passiert: Young oder doch New Adult? Welche Literatur sollten Kinder und Jugendliche wirklich lesen? Und wie kann ich Jugendsprache möglichst authentisch übersetzen bzw. ist das überhaupt das Ziel? Darüber unterhielten sich die Übersetzerinnen Nadine Püschel und Christel Kröning mit Literaturkritikerin Dina Netz.
Young Adult, New Adult, Urban Fantasy & Co.
Die wohl wichtigste Entwicklung in der Kinder- und Jugendliteratur ist die Diversifizierung der Genres: Was bis vor einigen Jahren mehr oder weniger alles als Jugendliteratur galt und auch so vermarktet wurde, spaltet sich heute mindestens in Young Adult (für ein Zielpublikum zwischen 12 und 18 Jahren) und New Adult (für ein Zielpublikum zwischen 18 und 25 Jahren) auf, wobei diese noch in verschiedene Subgenres wie Urban Fantasy, Dark Academia, Sports Romance usw. unterteilt werden. Auf dem deutschen Buchmarkt sind davon etwa 20 % Übersetzungen, der Großteil aus dem Englischen, aber auch aus dem Französischen, Japanischen und weiteren Sprachen.
Eine weitere spannende Entwicklung ist die der Diffusion der Zielgruppen. Während junge Erwachsene schon immer auch Bücher gelesen haben, die klassischerweise nicht als Jugendliteratur gelten, greifen heute auch immer mehr Erwachsene zu Young oder New Adult-Titeln. In der eigentlichen Zielgruppe zwischen 16 und 29 Jahren lesen zudem etwa ⅓ der Menschen regelmäßig. So überrascht es wenig, dass besonders Verlage und Imprints im Bereich Young und New Adult zu denen zählen, die in den letzten Jahren trotz Krise die höchsten Gewinne verzeichnen konnten, was nicht zuletzt auch an immer ausgetüftelteren Marketingkampagnen mit limitierten Farbschnitten, Veranstaltungen und Merchandise zusammenhängt.
Die starke Präsenz des Englischen in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur
Bei englischen Originaltiteln sichten Verlage meist selbst bzw. in Zusammenarbeit mit Literaturagenturen potenziell interessante Titel. Bei kleineren bzw. auf dem deutschsprachigen Markt weniger präsenten Ausgangssprachen übernehmen oft Literaturübersetzer*innen das Scouting. Das ist insofern interessant, als dass kleineren bzw. weniger präsenten Sprachen in Zukunft vermutlich mehr Relevanz zukommen wird, da die Verlage vor allem bei Übersetzungen aus dem Englischen unter massivem Druck stehen: Wenn sie die deutsche Übersetzung nicht zeitgleich oder möglichst nah am Erscheinungsdatum des Originals veröffentlichen, gehen wertvolle Leser*innen verloren, die heute gern zum englischen Original greifen.
Der Zeitdruck bei Übersetzungen aus dem Englischen wirkt sich auch auf die Arbeit von Literaturübersetzer*innen aus, die sich häufig bestimmte Slots freihalten sollen und dann zum vereinbarten Termin nicht einmal das finale Manuskript erhalten. Leider wird der Mehraufwand bei der Arbeit mit einem nicht finalen Manuskript von Verlagen in der Regel neben dem ohnehin mickrigen Honorar nicht zusätzlich bezahlt. Die höhere Affinität und Nähe zum Englischen zeigt sich zudem auch in den Buchtiteln, die häufig aus dem Englischen übernommen werden.
Weitere Herausforderungen beim Übersetzen von Kinder- und Jugendliteratur
Eine weitere Herausforderung besteht bei der Übersetzung romantischer Szenen („Spice“). Besonders im Englischen lesen sich derartige Szenen häufig eher wie eine Gebrauchsanweisung (welches Körperteil bewegt sich wann auf welche Weise wohin), was in der deutschen Übersetzung normalerweise stark reduziert werden muss, um einen guten Klang, eine sinnliche Wirkung und ein flüssiges Lesen zu ermöglichen.
Des Weiteren kann Jugendsprache als eine äußerst schnelllebige Varietät schnell zur Herausforderung werden. Tatsächlich wünschen sich junge Erwachsene gar nicht zwingend, dass diese authentisch wiedergegeben wird. Vielmehr geht es der Zielgruppe selbst oft darum, mit anderen Perspektiven und Idiolekten in Kontakt zu kommen. Deshalb empfehlen die beiden Übersetzerinnen, zu allgemeinen Markern der konzeptionellen Mündlichkeit und Umgangssprache zu greifen, wobei die eigenen Kinder auch als wertvolle Quelle befragt werden können.
Das geringere Prestige der Kinder- und Jugendliteratur zeigt sich in den geringeren Honoraren der Autor*innen, wobei der Unterschied in der Übersetzung weniger stark ausfällt, da die Honorare ohnehin viel zu niedrig sind. Noch mehr unter Druck gerät die Übersetzungsbranche durch KI: Post-Editing, also die Überarbeitung einer maschinell erstellten Übersetzung, soll eine enorme Zeitersparnis bringen. Für Übersetzer*innen würde das noch weniger Zeit und noch weniger Geld bedeuten, zumal Post-Editing besonders bei Literatur noch sehr mühsam ist und auch Autor*innen aus urheberrechtlichen Gründen Widerstand dagegen leisten, wie die kürzlich eingereichte Klage eines Autors gemeinsam mit der Verlagsgruppe Penguin Random House gegen OpenAI zeigt. Hier gilt es weiterhin, viel Aufklärungsarbeit zu leisten.
Diskriminierungskritisches Übersetzen
Besonders im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur stellt sich die Frage, welcher Bildungsauftrag mit Lesen verbunden ist und wie man diskriminierungskritisch schreibt bzw. übersetzt. Aber auch Illustrationen werden immer diverser. So lassen sich ableistische Formulierungen der Erfahrung der beiden Übersetzerinnen nach meist sehr gut verlustfrei ersetzen und man erarbeitet sich mit der Zeit eine Art Repertoire an diskriminierungskritischen Formulierungen. Das wichtigste Kriterium sollte immer die Verständlichkeit sein, schließlich soll mit Kinder- und Jugendliteratur auch eine gewisse Begeisterung für das Lesen entfacht werden.
Christel Kröning und Nadine Püschel gaben bei der Diskussion einen interessanten Einblick in die Übersetzung von Kinder- und Jugendliteratur und sprachen dabei über verschiedene Trends und Herausforderungen in der Branche. Obwohl insgesamt das Englische bei den Übersetzungen noch dominiert, scheint der Trend hin zu anderen Ausgangssprachen zu gehen, nicht zuletzt, um eine mögliche Abwanderung der Leser*innenschaft zum englischen Original zu vermeiden und die hohen Gewinne im Bereich Young und New Adult weiter auszubauen. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese hohen Gewinne zeitnah auch in den Übersetzungshonoraren widerspiegeln.
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