von Jonas Frankenreiter

Am frühen Vormittag des letzten Tags der Leipziger Buchmesse gab es abseits des Messegeländes in der Frauenkultur in Connewitz eine außergewöhnlich spannende Lesung zu besuchen: „Unerhörte Ostfrauen“ porträtiert Frauen, die für längere Zeit sowohl die DDR, als auch die BRD miterlebt haben.

In dem Buch von Ellen Händler und Uta Mitsching-Viertel treten die Unterschiede beider Länder, vor allem in Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter hervor. Die Autorinnen legen ihr Augenmerk gerade auf diese Differenzen, die von Frauen, die 20 Jahre in beiden Systemen gelebt haben, erfahren wurden. Die Berufe, die sich oft je nach Lebensabschnitt unterschieden, sind den jeweiligen Interviews vorangestellt, getrennt durch eine kleine Mauer. In den eigentlichen Texten der interviewten Frauen geht es häufig um ihre Arbeit, Partnerschaften und Kinder aber weiter auch um soziale Sicherheit, Religiosität und kulturelle Identität.

Die Frauen machen durch ihre Schilderungen die verschiedenen Welten erfahrbar. Eine bekam, nachdem sie im Westen eine Stelle angenommen hatte und ihren Vorgesetzten sprechen wollte, zu hören: „Man macht doch als Frau keinen Termin beim Chef!“ Besser kann der der gesellschaftliche Rückschritt, den viele Frauen im Westen oder im wiedervereinten Deutschland empfanden, kaum verdeutlicht werden. Andererseits, so erklärt eine andere Frau, gab es in der DDR auch keine Frauenbewegung, die in dem Ausmaß vergleichbar gewesen wäre mit der des Westens: „In der DDR gab es keine Frauenbewegung, daran haben wir nicht gedacht, das war ein West-Thema.“ Die Frauen schätzten viel eher was sie schon hatten: erfahrbare gesellschaftliche Teilhabe, kollegiale Arbeitsverhältnisse und das unkomplizierte Scheidungsverfahren. Letzteres wurde gerne angewandt:

„Ich bewarb mich mit den Worten, meine Scheidung laufe gerade, ich könne mich also voll auf die Arbeit konzentrieren.“

Die Geschichten sind oft humorvoll geschildert und machen so die Umstellungen, die die Frauen leisten mussten auf eine eher heitere Art und Weise deutlich. Die Autorinnen haben versucht ein möglichst umfassendes Bild der Arbeitswelt der DDR zu zeichnen, indem sie speziell Frauen aus unterschiedlichen Berufsfeldern suchten und fanden. Dass man alle Kapitel als Erfolgsgeschichten lesen kann, darauf wiesen auch die Autorinnen hin. Nicht alle Bürger der DDR fanden so leicht einen Zugang zum neuen System, wie die porträtierten Frauen.

Das was vorgetragen wurde, und wohl auch das was den Leserinnen und Lesern des Buchs vorenthalten bleibt, bieten einen hochinteressanten Einblick in das Leben von Frauen in der DDR und erinnert im selben Moment an immer andauernde Benachteiligungen im heutigen vereinten Deutschland.

Ellen Händler und Uta Mitsching-Viertel: Unerhörte Ostfrauen. Lebensspuren in zwei Systemen, ibidem-Sachbuch: Hannover 2019, 288 Seiten. ISBN-13: 978-3838212302.


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