Von Anita Schlitt

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen diskriminierungssensibel und diskriminierungskritisch und wie sehr darf ich als Übersetzer*in in den Ausgangstext eingreifen? Die Übersetzer*innen Yezenia León Mezu, Friederike Hofert und Miaïna Razakamanantsoa tauschten sich auf der Leipziger Buchmesse 2026 im Forum Übersetzen in Kooperation mit den Bücherfrauen e. V. und dem Verlag w_orten & meer über den diskriminierungskritischen Umgang mit Sprache aus.

Nicht nur das Thema Gendern wird seit Jahren heiß diskutiert. Jede Person, die in irgendeiner Form für ein mehr oder weniger großes Publikum schreibt, positioniert sich (wenn auch vielleicht unbewusst) zum Thema Diskriminierung. So stellen sich auch Übersetzer*innen genau diese Fragen: Wie gehe ich mit einer rassistischen/sexistischen/ableistischen Bezeichnung um? Darf ich gendern, wenn es in der Ausgangssprache theoretisch möglich wäre, aber sich im Ausgangstext offenbar bewusst dagegen entschieden wurde? Unter der Moderation von Miaïna Razakamanantsoa haben sich Yezenia León Mezu und Friederike Hofert dazu ausgetauscht.

 

Diskriminierungssensibel vs. diskriminierungskritisch

Die beiden Konzepte finden auf unterschiedlicher Ebene statt: Während es beim diskriminierungssensiblen Umgang mit Sprache zunächst darum geht, sowohl im Ausgangs- als auch im Zieltext mögliche Formen der Diskriminierung wahrzunehmen, geht es beim diskriminierungskritischen Übersetzen um den direkten Umgang damit, also um aktives Handeln. Als Übersetzer*in muss ich zunächst mein Auge schärfen, um potenzielle Diskriminierungen wahrzunehmen, und diese dann im nächsten Schritt beim Übersetzen zu antizipieren. Als Leitfrage kann hierbei die Frage dienen, wen der Text an dieser Stelle (nicht) mitdenkt.

 

Wie stark darf ich in den Text eingreifen?

Eine Übersetzung ist als eine der möglichen Interpretationen des jeweiligen Ausgangstexts grundsätzlich immer ein neuer Text. Übersetzer*innen sind also gleichzeitig Autor*innen, die eine soziale und politische Verantwortung tragen. Als Übersetzer*in muss ich mich also fragen, ob mit einer bestimmten Formulierung potenziell Leser*innen verletzt werden könnten und ob ich diese Verletzung im konkreten Kontext persönlich verantworten kann und möchte. Die Wirkung ist vor allem in der Literaturübersetzung das wichtigste Kriterium, da eine rassistische Äußerung einer Figur beispielsweise unter anderem zur indirekten Charakterisierung dienen kann. Auch Querverweise, Fußnoten und Kontextualisierungen können Übersetzungsstrategien sein, mit denen einer Normalisierung problematischer Formulierungen entgegengewirkt werden kann.

Sprache ist immer dynamisch und in einen soziopolitischen Kontext eingebettet. Deshalb spielen auch aktuelle Diskurse in der Gesellschaft (sowohl in der Ausgangs- als auch in der Zielkultur) eine entscheidende Rolle dabei, abzuwägen, welche Lösung an dieser Stelle akzeptabel ist und welche nicht.

 

Diskriminierungskritisches Übersetzen in verschiedenen Sprachkombination

Die Übersetzer*innen diskutierten auch, wie unterschiedliche Sprach- bzw. Kulturräume mit dem Thema umgehen. So ist das grammatische Geschlecht im Englischen in der Regel uneindeutig, allerdings muss ich mich bei einer Übersetzung ins Deutsche festlegen. Grundsätzlich ist das Englische dem deutschsprachigen Publikum viel näher, sodass ich in der Übersetzung auch bewusst englischsprachige Bezeichnungen entlehnen und so die Festlegung des grammatischen Geschlechts umgehen kann.

Das Spanische hingegen markiert das grammatische Geschlecht wie das Deutsche eindeutig. Hier können neben dem grammatischen Geschlecht bei der Übersetzung allerdings beispielsweise sexistisches Fluchen und auch die stärkere kulturelle Distanz des Zielpublikums problematisch sein.

 

Grenzen des diskriminierungskritischen Übersetzens

Die wohl größte Grenze ist Geld. Besonders in einem so prekären Arbeitsumfeld wie dem der Literaturübersetzung spielt es leider doch eine Rolle, ob ich den Auftrag wirklich annehmen möchte oder vielleicht sogar muss, weil ich sonst nicht meine Miete zahlen kann. Damit einher gehen der limitierte Zugang zum Literaturbetrieb allgemein, aber auch die Auswahl der zu verlegenden Texte, ihrer Autor*innen bzw. Übersetzer*innen und der Positionierung eines Titels.

Ein weiterer Faktor ist der des verkörperten Wissens. Eine weiße Person kann sich vielleicht in die Situation einer schwarzen hineinversetzen, sie wirklich erfahren und authentisch aus dieser Perspektive berichten und schreiben können allerdings nur schwarze Personen selbst.

 

Diskriminierungskritisches Übersetzen in der Praxis

Die Übersetzer*innen ermutigten das Publikum, Stellung zu beziehen und einfach diskriminierungskritisch zu handeln. Ihrer Erfahrung nach werden diskriminierungskritische Übersetzungslösungen im Lektorat meist problemlos akzeptiert, wobei das natürlich vom jeweiligen Verlag abhängt. Hilfreich kann auch die Arbeit in Kollektiven wie Berufsverbänden sein, um gemeinsam gegen die prekäre Lage und für höhere Honorare zu kämpfen und sich beispielsweise über verkörpertes Wissen auszutauschen. Fest steht, dass KI genau diese Abwägungen nicht leisten kann. Sie berechnet ausschließlich Wahrscheinlichkeiten, versteht aber nicht den Kontext und kann dementsprechend auch nicht diskriminierungskritisch handeln.

Die Übersetzer*innen Yezenia León Mezu und Friederike Hofert berichteten aus ihrer Berufspraxis und zeigten Möglichkeiten und Grenzen des diskriminierungskritischen Übersetzens auf. Sie kamen zum Schluss, dass es sich beim diskriminierungskritischen Übersetzen um einen Prozess handelt und es sich lohnt, diesen Weg trotz aller Widrigkeiten hin zu einer gerechteren Gesellschaft zu gehen.

Foto von Anita Schlitt