Von Stefan Katzenbach
Wie kann Bildung, Selbstbestimmung und demokratische Teilhabe von Kindern gelingen, wenn diese immer schlechter lesen können? Das wurde am Freitag der Leipziger Buchmesse 2026 diskutiert.
Jede/r vierte Viertklässler:in in Deutschland könne nicht angemessen sinnentnehmend lesen und verfehle die Mindeststandards im internationalen Niveau. Das sind die Ergebnisse der aktuellen Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), die 2021 durchgeführt wurde. Im Rahmen der Veranstaltung Lesen ist Teilhabe ist Demokratie am Donnerstag der Leipziger Buchmesse wurde natürlich auch sie thematisiert. Spiegele sie auch ihre Erfahrung wider, wollte Jana Engels, die als Autorin und Lese-und Literaturpädagogin arbeitet, von ihrer Gesprächspartnerin Pia Löber-Wille, ebenfalls Literaturpädagogin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Leseförderung, wissen.
„Kinder gleichen über Bilderbücher ihre Lebensrealität ab.“
Die „reale Wahrnehmung“ sei sogar noch höher, so Löber-Wille. Wie problematisch das sein kann, machte sie deutlich, als sie über essentielle Eigenschaften demokratischer Gesellschaften sprach: „Demokratie heißt, in Diskussionen zu kommen.“ Das könne aber nur, wer „die entsprechende Sprache und das Wissen“ zu den jeweiligen Themen habe. Dafür seien Bücher, auch die ohne Text, sehr wichtig, insbesondere für Kinder, die noch nicht lesen könnten: „Kinder gleichen über Bilderbücher ihre Lebensrealität ab.“
Die Beschäftigung mit Bilderbüchern böte die Möglichkeit, Bilder und Symbole zu begreifen und so die Orientierung in der Welt zu lernen, so Löber-Wille. Über das Verständnis der Bilderbücher könnten dann auch Werte vermittelt werden und demokratische Teilhabe gewährleistet werden. Das Interesse für Bilderbücher werde bei den Kindern am besten durch eine Umgebung geweckt, die ein Erleben rund um die Bücher ermögliche, durch eine Umgebung die die Kinder neugierig mache.
Erfolgreiche Leseförderung braucht umfangreiche Betreuungsangebote
Sich nur auf die Kinder zu fokussieren, reiche aber nicht aus. Schließlich gäbe es immer mehr Eltern, die ihren Kindern nicht vorläsen, oft aus Scham, weil die Eltern bspw. nicht literarisiert seien. Welche Bedeutung hat dies? „Leseförderung im frühkindlichen Bereich ist Familienbildung“, so Löber-Wille.
Wie aber kann man Eltern beteiligen? Schließlich sind sie zu den Schulzeiten ihrer Kinder in der Regel bei der Arbeit. „Der Gamechanger ist die erweiterte Betreuungszeit, damit Eltern mitmachen können“, so die zertifizierte Literaturpädagogin. Eine umfassende Betreuung im Bereich der Leseförderung habe mehrere Vorteile: „Wir sparen Ressourcen, wenn wir präventiv arbeiten würden. Wir würden Kindern auch mehr mitgeben, sie hätten es insgesamt leichter“, so Löber-Wille. Damit könne man etwa dem Problem entgegenwirken, dass sie sich später in ihren eigenen Filterblasen bewegen würden.
Wie kann das erreicht werden, was wäre der Wunsch für die Zukunft der Leseförderung? „Wir brauchen mehr Sichtbarkeit für unsere Arbeit. Ich wünschte mir für jede Kommune eine Literaturpädagogin für Kitas und Grundschulen. Das Problem ist auch, dass Leseförderung als Ehrenamt gedacht wird. Ich bin aber ausgebildet und habe mich fortgebildet“, so die Literaturpädagogin.
Foto von Stefan Katzenbach
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