von Anika Andreßen

Der Gastlandpavillon

Nüchtern und kühl wirkte er, der Pavillon des diesjährigen Ehrengastlandes Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse. Die Decke unverkleidet, der Blick auf den Balkon des Forums freigelegt, die Seitenwände vollständig mit Spiegeln ausgestattet, die den ersten von zwei Räumen noch größer und irgendwie leerer erscheinen ließen. Doch wer dachte, dem Pavillon auf den einen Blick alle Geheimnisse entlocken zu können, täuschte sich. Es gab mehr zu entdecken, als zunächst angenommen.

Der norwegische Pavillon überzeugte mit typisch norwegischem Design und einer klaren Formsprache. Das Design des Pavillons ist das Resultat eines Wettbewerbs, an dem über 60 Architekt*innen teilgenommen haben. Der Siegerentwurf begreift Literatur als Raum und Landschaft. Er bestand aus 23 tischartigen Objekten, die die Charaktere der norwegischen Literatur zu materialisieren versuchten. Nach Genres geordnet fanden sich hier eine Auswahl der rund 250 in diesem Jahr aus dem Norwegischen ins Deutsche neu übersetzten Bücher. Sowohl Bücher als auch Leser*innen sollten an den einzelnen Stationen Platz haben. Leser*innen sollten so Gelegenheit haben, in die Literatur des Gastlandes einzutauchen. Besonders gut gelang dies an der Station „Invisible Silence – The best things in life have no lasting forms“. Der Tisch wurde von der Geruchsforscherin und Künstlerin Sissel Tolaas und dem Autoren und Entdecker Erling Kagge entworfen und sollte Besucher*innen dazu einladen, Begriffe von Kaage, die norwegisches Leben symbolisieren, dem passenden Geruch, den Tolaas eigens dafür designed hat, zuzuordnen und so eine Reise in das Gastland zu unternehmen.

In der Mitte des Raumes befand sich die Hauptbühne, auf der vom Messemittwoch bis zum Messesonntag täglich zahlreiche Veranstaltungen geplant waren. Auch der zweite Raum im Pavillon verfügte über eine, jedoch wesentlich kleinere, Bühne sowie über ein Café mit norwegischen Spezialitäten, in dem man bei Fischsuppe und norwegischem Bier verweilen und zugleich einen Blick auf die Ausstellung „Books on Norway“ mit seinen rund 600 norwegischen Titeln erhaschen konnte. Die Installation „Wittgensteins Boot“ der Künstlerin Marianne Heske visualisierte die Zeiträume, die der Philosoph Wittgenstein an einem abgelegenen Ort am Sognefjord in Norwegen verbrachte, und wo er wichtige Teile seiner Werke schrieb.

Invisible Silence – the best things in life have no lasting forms im Gastlandpavillon (c) Anika Andreßen

Programm im Gastlandpavillon und auf der Messe

Auf der Buchmesse haben mehr als 100 norwegische Autor*innen ihre Titel vorgestellt und gaben dabei Einblicke in die norwegische Literatur und Gesellschaft. Auf den zwei Bühnen im Pavillon erwartete die Besucher*innen ein buntes Programm mit Lesungen, Diskussionen, Performances und Musik, wie beispielsweise die Vergabe des „NORLA Übersetzerpreises 2019“, Lesungen mit Krimiautor Jo Nesbø oder Veranstaltungen mit samischer Dichtung und Musik. In der „Stunde der Meinungsfreiheit“ fand täglich um 13.00 Uhr eine Veranstaltung zum Thema statt. In der Reihe „Grüne Stunde“ konnten Veranstaltungen rund um die Themen Natur und Umwelt besucht werden und zum Abschluss des Tages gab es täglich um 17.30 Uhr bei der Happy Hour elektronische Klänge des norwegischen DJs Olle Abstract.

Wittgensteins Boot im Gastlandpavillon Norwegen (c) Anika Andreßen

Auch auf dem Messegelände konnten die Besucher*innen das Gastland mit allen Sinnen erfahren, Kulinarisches gab es z.B. in der Gourmet Gallery, Infos zu Norwegen als Reiseziel an den Ständen von Visit Norway, der Provinz Oppland, der Stadt Oslo und Arcus und norwegische Kunst fand man bei Veranstaltungen von THE ARTS+ und auf der Agora konnten Besucher*innen den Bücherbus der Provinz Oppland erkunden.

Bücherbus der Provinz Oppland auf der Agora (c) Anika Andreßen

Programm außerhalb der Messe

Auch in der Innenstadt konnten die Besucher*innen norwegische Autor*innen im Rahmen zahlreicher Lesungen, Diskussionsrunden und Vorträge erleben – etwa beim Lesefest OPEN BOOKS oder beim BOOKFEST, dem Festival der Frankfurter Buchmesse. Neben dem Literaturprogramm präsentierte Norwegen ein umfangreiches Kulturprogramm, das bildende Kunst, Bühnenkunst, Musik, Film und Architektur umfasste.

Insgesamt fanden im Ehrengastjahr 2019 über 1.000 Auftritte norwegischer Autor*innen, Illustrator*innen, Musiker*innen und Künstler*innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt. Rund 185 Autor*innen präsentierten ihre Bücher in mehr als 100 Städten, und bis Ende des Jahres sollen 155 kulturelle Veranstaltungen als Teil des Ehrengastprojekts stattfinden.


Artikel verfasst von Anika Andreßen im Rahmen der JVM-Messereporter*innen in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse.

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