von Anika Andreßen

„Der Traum in uns“
Das ist der Traum

Das ist der Traum, den wir tragen,
dass etwas Wunderbares geschieht,
geschehen muss –
dass die Zeit sich öffnet,
dass das Herz sich öffnet,
dass Türen sich öffnen,
dass der Berg sich öffnet,
dass Quellen springen –
dass der Traum sich öffnet,
dass wir in einer Morgenstunde gleiten
in eine Bucht, um die wir nicht wussten.

Olav H. Hauge (Übersetzung Klaus Anders)

Mit den Worten „Der Traum in uns“ präsentierte sich Norwegen in diesem Jahr als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Das Motto geht auf ein Gedicht des norwegischen Autors Olav H. Hauge (1908-1994) zurück und wurde von den Leser*innen und Zuschauer*innen des norwegischen Senders NRK 2016 zum bedeutendsten norwegischen Gedicht aller Zeiten gewählt. Das skandinavische Land mit seinen rund 5,3 Millionen Einwohnern präsentierte 2019 ein umfangreiches Literatur- und Kulturprogramm im gesamten deutschsprachigen Raum, erzählte Geschichten aus der Heimat, entführte das Publikum an unbekannte Orte und brach eine Lanze für die Meinungsfreiheit, die in der politischen Kultur Norwegens von höchster Bedeutung ist. Daneben lag ein Fokus auf den Themen Natur und Umwelt, Feminismus und Gleichberechtigung, modernes Familienleben, Vielfalt und Identität in einem sich wandelnden Europa sowie auf der Literatur und Kultur der Sápmi, dem Siedlungsgebiet und Kulturraum der Samen.

Der Stellenwert von Übersetzungen in Norwegen

Rund 510 Buchtitel norwegischer Autor*innen sowie Titel über Norwegen sollen (seit Herbst 2018) bis Ende 2019 in 217 Verlagen in Deutschland erscheinen. Allein 229 davon sind Neuübersetzungen aus dem Norwegischen ins Deutsche. Dabei sind die norwegische Literatur und Sprache nicht gerade unbekannt. Das Norwegische gehört zu den 17 meistübersetzten Sprachen der Welt und das Land zwischen Bergen, Gletschern und Küstenfjorden hat mit Bjørnstjerne Martinius Bjørnson, Knut Hamsun, Sigrid Undset bereits drei Literaturnobelpreisträger*innen hervorgebracht. Jostein Gaarders Roman „Sophies Welt“ gehört zu einem der bekanntesten Jugendbücher aller Zeiten und landete 1990 mit über zwei Millionen verkauften Exemplaren in Deutschland als erstes Jugendbuch auf einer Bestsellerliste. Und auch Autoren wie Karl Ove Knausgård, Jo Nesbø und Maja Lunde werden längst als Stars der internationale Literaturszene gefeiert.

NORLA — Norwegian Literature Abroad, die den Ehrengastauftritt im Auftrag der norwegischen Regierung initiiert und organisiert haben, unterstützten bereits seit dem Jahr 1978 die Förderung von Übersetzungen norwegischer Literatur und haben allein seit 2004 zur Übersetzung von rund 5.200 norwegischen Büchern in 65 Sprachen beigetragen.

Wer einen kleinen Einblick in die vielfältige Auswahl norwegischer Titel in diversen Übersetzungen erhalten wollte, war bei der Ausstellung „Books on Norway“ mit rund 600 Titeln norwegischer Autor*innen im Ehrengastpavillon oder mit der aktuellen Neuerscheinungsliste des Gastlandes, beides zusammengetragen von der Frankfurter Buchmesse, gut aufgehoben.

Literaturvermittlung in Norwegen

Statt einem Neuerscheinungskatalog für Buchhändler*innen erschienen im Frühjahr zur Leipziger und im Herbst zur Frankfurter Buchmesse zudem zwei extra zum Gastlandauftritt produzierte, hochwertige Magazine mit Hintergrundstorys zu Land, Leuten, Autor*innen, Literatur und Kultur.

Dass das Land mit den langen Winternächten ein Leseland ist und die Förderung der Literatur eine tragende Rolle spielt, liegt nicht zuletzt am politischen Willen und der finanziellen Unterstützung. So gibt es zum Beispiel keine Mehrwertsteuer auf gedruckte Bücher und E-Books und Autoren werden als Teil eines solidarischen Systems begriffen. Sie verdienen nicht etwa am Verkauf eines einzelnen Buchexemplars, stattdessen fließen die Einnahmen der Verlage in einen Fonds, der an alle Autoren ausgeschüttet wird.

Auch für Kronprinzessin Mette-Marit haben Literatur und Lesen einen hohen Stellenwert. Einmal im Jahr reist sie als Botschafterin für norwegische Literatur mit einem Sonderzug in neue Regionen des Landes und fördert den Austausch zwischen Leser*innen, Autor*innen und Illustrator*innen. Im Gastlandjahr setzte die Kronprinzessin in Begleitung des Kronprinzen Haakon und 19 norwegischen Autor*innen ihre Reise mit dem Literaturzug über die Landesgrenzen fort. Am 14. Oktober reiste sie mit einer Gruppe deutscher Schüler*innen zunächst von Berlin nach Köln, am 15. Oktober dann weiter nach Frankfurt, wo sie am frühen Abend an der offiziellen Eröffnungsfeier der 71. Frankfurter Buchmesse teilnahm.


Weitere Infos


Artikel verfasst von Anika Andreßen im Rahmen der JVM-Messereporter*innen in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse.

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