Raja Alem

Raja Alem
© Birthe Kolb

An diesem Wochenende öffnete die Frankfurter Buchmesse wieder einmal ihre Pforten und zieht nicht nur Hunderttausende Besucher, sondern auch Autoren aus der ganzen Welt an, die ihre Werke der Öffentlichkeit präsentierten. Eine von ihnen ist Raja Alem. Die Schrifstellerin, die aus Saudi-Arabien stammt, bekam auf dem Messegelände der Mainmetropole den LiBeraturpreis für ihren Roman „Das Halsband der Taube“ verliehen.

Es sei anfangs ziemlich schwierig gewesen, die Autorin nach Deutschland einzuladen, so Anita Djafari, die Geschäftsführerin der Stiftung Litprom. Bereits letztes Jahr hatte die Stiftung, die den LiBeraturpreis verleiht, versucht, Alem auf die Frankfurter Buchmesse einzuladen, dies war jedoch an Komplikationen bei der Visumsbeschaffung gescheitert. Daher freue man sich in diesem Jahr besonders, dass es nun noch gelungen sei, die Autorin an den Main zu holen – vor allem, da ihr Roman „Das Halsband der Taube“ in diesem Jahr unangefochtener Favorit bei der Leserjury des LiBeraturpreises gewesen sei.

LiBeratur – dieses Wortspiel vereint die Begriffe Literatur und liberal und nennt somit gleich das Ziel, das die Stiftung Litprom mit diesem Preis verfolgt: Er tritt für eine freiheitliche Literaturszene ein und wird ausschließlich an Frauen aus afrikanischen, arabischen, lateinamerikanischen oder asiatischen Ländern verliehen. „Soweit wir wissen, ist dieser Preis in Deutschland damit einzigartig“, sagt Djafari. Nominiert werden automatisch alle Autorinnen, die es mit ihren Werken auf die Weltempfänger-Bestenliste geschafft haben, eine Bestsellerliste, die vierteljährlich von der Stiftung Litprom erstellt wird, um die Verkaufszahlen übersetzter Werke aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der arabischen Welt zu messen. Die endgültige Entscheidung über die Vergabe des Preises treffen dann die Mitglieder der Stiftung Litprom.

Dass ausgerechnet Raja Alem den LiBeraturpreis nun bekommt, habe sie überrascht, meint Djafari. „Es heißt immer, dass ihre Werke als unübersetzbar gelten.“ Tatsächlich teilt auch Hartmut Fähndrich, der Alems Werk ins Deutsche übertrug, diese Auffassung. „Es ist ziemlich schwer, Rajas bildreiche Sprache in die deutsche Sprache zu übertragen.“ Er muss es wissen, denn er ist in der arabischen Literaturszene kein Anfänger mehr: Über 60 Romane übersetzte Fähndrich aus dem Arabischen ins Deutsche, bereits 2004 bekam er dafür den Übersetzerpreis der arabischen Liga. „Das Halsband der Taube“ war jedoch auch für ihn eine Herausforderung.

Vordergründig handelt es sich bei dem Werk um einen Krimi: In einer alten Gasse der heiligen Stadt Mekka wird eine Frauenleiche gefunden, so sehr verstümmelt, dass man kaum noch erkennen kann, um wen es sich handelt. Parallel dazu verschwinden zwei Mädchen, die sich zuvor beide auf unterschiedliche Arten gegen die Unterdrückung und Verschleierung der Frau in der arabischen Großstadt gewehrt haben. Doch anstatt mit den Klischees zu spielen, erläutert Djafari in ihrer Laudatio, erschaffe die Autorin vielmehr ein sehr komplexes Bild der modernen arabischen Welt. Gerade das sei eine Stärke der Literatur, sagt Djafari. „Literatur ist eine Form der Demokratie – denn hier kann man aus verschiedenen Blickwinkeln auf ein Land und seine Gesellschaft blicken.“ Raja Alem tue dies mit sehr vielen geschickten Kunstgriffen, etwa indem sie ihre Geschichte nicht aus der Sicht einer Figur, sondern einer Straße erzählt – die Gasse, in welcher die Leiche gefunden wurde, wird so zur Berichterstatterin des Geschehens.

Alem selbst sieht sich als Vertreterin der Freiheit. „Wenn ich schreibe, denke ich nicht darüber nach, ob die Zensur meine Worte zulässt“ sagt sie im anschließenden Gespräch mit Moderatorin Claudia Ramaczek. „Ich denke auch nicht darüber nach, ob meine Leser es zulassen würden. Ich atme einfach durch das Schreiben.“ Damit trifft sie das Ideal des LiBeraturpreises – Freiheit für Autoren weltweit genau auf den Punkt.

 

Birthe Kolb