Beiträge

von Angela Huber

Am 30. und 31. Januar 2020 fand in Berlin bereits zum fünften Mal die future!publish statt und die Jungen Verlagsmenschen waren auch wieder mit dabei. Unter dem Motto Mindflow – Workflow – Networking wurden zwei Tage lang in den Konferenzräumen des Mercure Hotels in Moabit spannende Ideen zur Zukunft der Buchbranche präsentiert, in Workshops erarbeitet und im bar!camp intensiv weiterdiskutiert.

Der Buchtrailer lebt!“ – Verleihung des Buchtrailer Awards

Den Auftakt machte dieses Jahr die dritte Verleihung des deutschen Buchtrailer Awards. Die Erstplatzierten freuen sich über einen Werbeplatz ihres Trailers für eine Woche auf großer Leinwand in zwölf ausgewählten Kinos der Hauptstadt.

In der Kategorie Erwachsene gewann den ersten Preis der Trailer zum biografischen Roman Was du nie siehst aus dem Carpathia Verlag.
In der Kategorie Kinder- und Jugendbuch konnte Mein Jimmy  aus dem Tulipan Verlag die Jury überzeugen.

Nachhaltigkeit in der Buchbranche systematisch voranbringen

Ein Anliegen des Organisationsteams war es, dem Thema Nachhaltigkeit in der Buchbranche im Programm Raum zu geben. Für einen Einstieg in die Diskussion sorgte eine eindrückliche Keynote von Luisa Neubauer, Fridays-for-Future-Aktivistin und Autorin des Buches Vom Ende der Klimakrise (18 € // Klett-Cotta). „Ausreden dürfen“ sieht Luisa Neubauer als hohes Gut an und hält dafür Bücher als wichtiges Medium im gesellschaftlichen Diskurs. Für eine zukunftsfähige (also nachhaltige) Transformation der Buchbranche empfahl sie, jetzt Experten zu konsultieren und Entscheidungen mit Blick auf die Ressourcenknappheit und im Sinne der Nachhaltigkeit zu treffen. Die Buch- und Verlagsbranche sieht Luisa Neubauer in der verantwortungsvollen Rolle, Wissenschaft für die Gesellschaft zu übersetzen: Verpackt in Geschichten, die allen Menschen begreifbar sind, kann die Verbreitung von wissenschaftlichen Fakten und die Dringlichkeit der Thematik verdeutlicht werden. Verlage leisten so einen wichtigen Beitrag dazu, Wege aus der aktuellen globalen „Menschheitskrise“ zu finden. 

Auch Anke Oxenfarth vom Oekom Verlag, in dem eine Stabstelle zur systematischen Umsetzung von Nachhaltigkeit geschaffen wurde, mahnte: „Es reicht nicht, nur die Folie wegzulassen“. Im Projekt Nachhaltig Publizieren wurden konkrete Handlungsoptionen für eine bessere Ökobilanz erarbeitet. Einsparpotenziale bieten sich also viele in den Bereichen Papierherstellung, Druckprozesse, Vertrieb und Büroalltag – zum Beispiel durch die Verwendung von Recycling- statt Frischfaser, Verbesserung der Druckfarben, Vermeidung von Materialschlachten am Messestand und Zusammenarbeit mit regionalen Partnern. Die Kommunikations- und Preispolitik sollte ebenfalls mehr vom Nachhaltigkeitsgedanken geprägt sein: Vielleserinnen überschneiden sich zum Großteil mit der ökologisch bewussten Käufergruppe „LOHAS“, die durchaus bereit sind, für ein umweltschonend produziertes Buch einen höheren Preis zu zahlen. Wie verhält es sich bei E-Books? Diese, so führt Anke Oxenfarth aus, seien nicht per se umweltfreundlicher, durch eine Umstellung auf 100% erneuerbare Energien und eine mehrjährige Nutzungsdauer der Lesegeräte könne jedoch eine bessere Klimabilanz erzielt werden.

Die Zukunft der Arbeit oder „ohne Wertschätzung keine Wertschöpfung“

Der Themenkomplex New Work und agiles arbeiten prägte die diesjährige future!publish. Auch im parallel zu den Veranstaltungen stattfindenden bar!camp wurde rege diskutiert: Wie sieht ein New Work Arbeitsplatz aus? Was ist bei einer Transformation der Unternehmenskultur zu beachten? Im Werkstattbericht Agil arbeiten im nicht-agilen Kontext drängten sich neugierige Teilnehmer um die Tische. Der agile Coach Edgar Rodehack teilte zusammen mit Hermann Eckel Erkenntnisse aus dem Transformationsprozess des zwölfköpfigen Tolino-Media-Teams zu agilen Strukturen. Was ist agiles arbeiten? Edgar Rodehacks Antwort für Eilige: ein zweiwöchiger PDCA-Zyklus. Agilität sei dabei aber kein Werkzeugkasten, sondern eine Haltung. Durch regen Wissensaustausch könne das Team sowohl flexibler als auch schneller agieren – eine Arbeitsweise, die es bei zunehmender Komplexität der Probleme ermöglicht, mit der Innovationskraft großer Player der Branche mitzuhalten. Nötig sei hierfür eine Veränderung des Mindsets auf Führungsebene weg von der alleinigen Wissens- und Entscheidungshoheit hin zur Öffnung und dem Vertrauen auf die Expertise der Teammitglieder. Beachtet werden müsse bei der Umstellung auf agiles arbeiten dagegen, dass die „agilen Inseln“ nicht zur Zerreißprobe für die Projektmanager an den Schnittstellen werden. Insgesamt sei die Umstellung für beide Referenten jedoch eine Erfolgsgeschichte – und über Erfolgsgeschichten wäre in der Branche ein stärkerer Austausch wünschenswert.

Lesetipps der Referenten zum Thema: New Work Needs Inner Work (Beidenbach / Rollow // 19,80 € // Verlag Vahlen), Reinventing Organisations (Laloux // 24,90 € // Verlag Vahlen), Agiles Manifest

Audio First: Umkehr der Wertschöpfungskette

Neben Nachhaltigkeit und New Work war der Umgang mit dem Audio-Boom der dritte Programmschwerpunkt. 2019 überstieg der Anteil der digitalen Hörbuch-Nutzung erstmals die physische CD-Nutzung. Dorothea Martin von Audible präsentierte einleitend zu ihrem Vortrag Trend „Original“: Warum Autorinnen Audio als Chance für sich entdecken die Ergebnisse des Hörkompasses: „Hören substituiert nicht lesen!“ Mit den Originalproduktionen wird bei Audible die Wertschöpfungskette umgedreht. In interdisziplinär besetzten Writers‘ Rooms experimentieren Autorenteams mit Geschichten speziell zum Hören. Durch eine verzögert erscheinende Buchausgabe wollen für Audioserien natürlich trotzdem crossmediale Synergie-Effekte genutzt werden. Zukünftig stärker ausgebaut wird das Audio-Angebot im Bereich Non-Fiction. Spannend wird es auch beim internationalen Lizenzhandel, denn andere Länder haben oft ein anderes Verständnis von Formaten und Erzählstrukturen.

Positive Eindrücke zur Zukunftsfähigkeit der Buchbranche

Beim vollgepackten Programm der future!publish fiel die Entscheidung zwischen den spannenden Beiträgen oft schwer. Eine tolle Ergänzung zu Vorträgen und Workshops war das bar!camp mit Ralf Eichner und Heiko Bartlog, in dem brennende Fragen der Teilnehmer in kleiner Runde diskutiert wurden. Zwei Tage reger Austausch mit offenen Teilnehmern diverser Altersklassen, beruflicher Hintergründe und Positionen lässt positiv stimmen, dass für zukünftige Herausforderungen der Buch- und Verlagsbranche kreativ und kooperativ Lösungen gefunden werden können!

von Susanne Döllner

Am Samstagmittag fanden sich vor allem junge Zuschauer vor der Gemeinschaftsbühne von „Studium rund ums Buch“ ein, um zu erfahren, wie aktuelle und ehemalige Studenten des Studiengangs Mediapublishing der Stuttgarter Hochschule der Medien die Chancen und Möglichkeiten, die ihnen das Studium mit Blick auf ihren weiteren beruflichen Werdegang ermöglicht hat, beurteilen.

Die Diskussionsteilnehmer waren dabei hinsichtlich ihrer derzeitigen Beschäftigungen bunt gemischt: Sie arbeiteten in der Herstellung, im Vertrieb, im Marketing oder standen erst kurz vor dem Abschluss. Erstes Thema war deshalb, welche Berufe ihnen ursprünglich einmal vorgeschwebt hatten und wie es dazu kam, dass sie letztlich doch ganz woanders gelandet waren. Hierbei zeigte sich wieder einmal, dass es sich auszahlt, offen für alternative Wege in die Branche und auch für Alternativen in der Berufswahl zu sein, im Studium möglichst viel auszuprobieren, in unterschiedliche Bereiche reinzuschnuppern und auch bei der Praktikawahl über den Tellerrand des „Traumjobs“ hinauszuschaun. Alle drei Berufstätigen wirkten jedenfalls sehr zufrieden mit dem Job, bei dem sie letztendlich gelandet waren, auch wenn sie ihn ursprünglich so gar nicht auf dem „Schirm“ gehabt hatten.

Auch bei einem weiteren Punkt waren sich die Diskutanten einig: Für Berufsanfänger ist es trotz umfassender, qualifizierter Ausbildung zunächst schwierig, in der Branche ernstgenommen zu werden. Dass man rein aufgrund des jugendlichen Aussehens automatisch fachliche Kompetenzen abgesprochen bekommt, ist eine Geisteshaltung, an der nicht nur, aber auch und besonders die Verlagsbranche krankt. „Mein Ansprechpartner muss der ältere Herr sein“ – dieser Grundhaltung waren alle reihum in den ersten Jahren häufig begegnet. Dagegen helfe nur, sich professionell zu kleiden, auf eine offene, selbstsichere Körpersprache zu achten und proaktiv auf das Gegenüber zuzugehen.

Gleichzeitig empfanden die Teilnehmer solche Erfahrungen als lehrreich und hilfreich in der persönlichen Weiterentwicklung. Im Studium habe man wie in einer Blase gelebt: „Wir wussten, was wir konnten, und mussten uns auch nichts beweisen.“

Sich selbst bestmöglich zu präsentieren, offen gegen Vorurteile vorzugehen und seinen Gesprächspartner von den eigenen Stärken und Fähigkeiten zu überzeugen, sei ein wesentlicher Teil des täglichen Arbeitslebens.

Umso wichtiger sei es, die Angebote der Hochschulen zu nutzen, die ihre Studierenden auf solche Situationen vorbereiten, etwa durch Projekte mit Unternehmen, Verlagsbesuche, Exkursionen oder Gastveranstaltungen mit Verlagsmitarbeitern. Hierdurch verliere man den übermäßigen Respekt vor dem Einzelnen – denn auch der Chef sei letztlich nur ein Mensch.

Spannend sei auch, dass man auf Veranstaltungen, Tagungen, Messen oder Lesungen immer wieder die gleichen Leute treffe. „Die Branche ist so klein“, wurde reihum nickend bestätigt, man kenne immer irgendwen, wahlweise über Werkstudentenjobs, das Studium oder gemeinsame Bekannte. Hieraus ergibt sich ein Gemeinschaftsgefühl, das so sicher nicht viele Branchen ihr Eigen nennen können: „Man kommt immer wieder in die Familie zurück.“ Netzwerken – das Unwort schlechthin unter Studenten, und dennoch nehmen es Ehemalige immer wieder in den Mund, denn: „Das wird die Verlage in Zukunft retten.“

Auch die „Digitalisierung“, dieser weiße Elefant der Buchbranche, fand nicht nur Zustimmung. Weil man jung sei, müsse man natürlich auch digital-affin sein – dieser Trugschluss ist eine weitere Grundhaltung, die der Branche nicht guttut, denn umfassende Fähigkeiten und stets aktuelles Wissen rund um komplexe Programme und schnelllebige Social-Media-Kanäle werden häufig „nicht als Kompetenz, sondern als Selbstverständlichkeit“ angesehen: „Du bist ja sowieso den ganzen Tag online.“ Hier herrscht dringender Aufklärungsbedarf, dass „ein bisschen Googeln“, die gelegentliche E-Mail oder WhatsApp-Nachricht zu verschicken oder ab und an einen Post auf Facebook, einen Kommentar auf Twitter oder ein Foto auf Instagram zu posten nicht automatisch etwa zum Social Media Manager qualifiziert. Konstante Fortbildungen und gezielte Professionalisierung sind hier wie in jedem anderen Berufszweig notwendig, um Verlage ansprechend und zielgruppengerecht zu präsentieren.


Artikel verfasst von Susanne Döllner im Rahmen der JVM-MessereporterInnen in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse.