Beiträge von unseren Messereportern, die gemeinsam jedes Jahr im März von der Leipziger Buchmesse berichten. Preisverleihungen, Podiumsrunden, Fachliches, alles rund um die Karriere in der Buch- und Medienbranche, Interviews, Eindrücke, Verlage, Digitales. Am Messefreitag findet traditionell der Karrieretag Buch und Medien statt.

von Taimi Schalle

Auch am Karrieretag der Leipziger Buchmesse 2019 wurde wieder fleißig über den Berufseinstieg in die Verlagsbranche informiert. Anna-Lena Wingerter sprach dafür mit Clarissa Niermann, Social Media Managerin bei Bilandia, und Thomas Wendt, langjähriger Personalleiter bei Axel Springer. Wir waren dabei und haben euch die wichtigsten Punkte zu Bewerbung und Vorstellungsgespräch zusammengefasst.

DO

Bewerbt euch ruhig auch wenn ihr noch nicht alle Anforderungen der Ausschreibung erfüllt. Es kommt auf eure Kernkompetenzen an. Zeigt stattdessen, dass ihr neugierig und bereit seid Neues zu lernen!

Bewerbung goes digital:

Email und Onlineportale sind die Norm heutiger Bewerbungen. Dazu gehören neben Anschreiben, Lebenslauf und Arbeitszeugnisse auch Links zu Social Media Acounts bei Xing oder LinkedIn.

Legt den Fokus eures Lebenslaufs auf euer Erfahrungen!

Jobs, Praktika oder Auslandsaufenthalte können genauso einen Eindruck über euch geben wie Ehrenämter oder spannende Hobbies. Strukturell helfen Bullet Points dabei, einen besseren Einblick in eure Arbeitserfahrung zu geben.

Ihr habt es bis ins Vorstellungsgespräch geschafft, aber am Schluss sind noch ein paar Dinge unklar. Hier lautet die Devise: 

Stellt Fragen! Das zeigt euer Interesse an Team und Unternehmen.

Und solltet ihr feststellen, die Stelle ist doch nichts für euch, traut euch auch direkt abzusagen und Feedback zu geben.

DON’T

Macht keine falschen Angaben, um Anforderungen zu entsprechen! Seid stattdessen lieber ehrlich und zeigt eure Motivation dazu zu lernen.

Foto im Lebenslauf, ja oder nein? Verzichtet lieber ganz auf ein Bild, wenn es nicht authentisch ist.

Verschickt keine Massenbewerbungen! Eurer Anschreiben sollte auf das Unternehmen abgestimmt sein. Macht die Personaler neugierig auf euch und zeigt eure Engagement, indem ihr zum Beispiel das Motto der Firma einfließen lasst und die korrekten Anreden der Empfänger verwendet.

Flexibel und kreativ? Vermeidet Floskeln

Vermeidet den Inhalt der Jobausschreibung im Anschreiben zu wiederholen. Beweist eure Eigenschaften stattdessen anhand von Erfahrungsbeispielen.

Haltet eurer Anschreiben kurz und prägnant, es sollte nicht länger als eine Seite sein. Ähnliches gilt für den Lebenslauf. Wählt eure relevanten Erfahrungen aus und clustert die Informationen schlau, sodass alles möglichst auf zwei Seiten passt.

von Jasmin Kiechle

Blogs, „Booktube“ und „Bookstagram“ – auf den Social-Media-Kanälen von Tami Fischer (tami), Julia Lotz (Miss Foxy Reads) und Jessica Sieb (Witcherybooks) geht es vor allem um eines: die Leidenschaft für Bücher. Es bleibt zwar nur ein Hobby, denn zwischen der Liebe zum Buch, der Arbeit oder dem Studium müssen häufig Prioritäten gesetzt werden. Für Bücherblogger ist die Zeit noch nicht reif, in der solche Influencer auch von ihrer Arbeit auf YouTube und Co leben können. Weiter schlimm ist es aber nicht, darin sind sich die drei Bücher-Enthusiastinnen einig. Denn es ist die Liebe zum Buch, die für alle drei im Mittelpunkt steht. Booktube ist Tamis bevorzugter Channel; das Filmen und die Arbeit hinter einem Video stehen dort im Vordergrund. Jessi bevorzugt Instagram; die Darstellung von Büchern auf Fotos bereitet ihr Freude. Blogs eignen sich für Julia am besten, da sie einfach gerne schreibt.

Bloggen über Bücher und wie man dahin kommt

Jessis und Julias Weg zum Bücherbloggen verlief ähnlich. In ihrem Freundeskreis gibt es niemanden, der in gleicher Zeit gleich viele Bücher lesen würde, und noch die Zeit findet, über das Gelesene so ausgiebig zu diskutieren. Gleichgesinnte fanden sie schließlich online. Tami hingegen  fand zu den Bücher über Umwege: Ursprünglich wollte sie ihre Abenteuer in Australien filmen, entschloss sich während ihrer Zeit dort dann aber, lieber Bücher zum zentralen Thema ihres Kanals zu machen. Alle drei wählten für ihre Kanäle erst Pseudonyme, inzwischen nutzen aber ihre wirklichen Namen.

Die Bücher-Community im Netz

Die Social-Media-Plattformen ermöglichen den Austausch mit den eigenen Followern. Innerhalb der Bücher-Community kann man sich mit Gleichgesinnten austauschen und neuen Lesestoff finden. Die Onlineplattformen sind überdies für Verleger so wertvoll, weil sie dort unmittelbare Einblicke bekommen, was sich die Leser wünschen. Diversität und Repräsentation sind wichtige Stichworte. Blogger mit großer Reichweite können so direkt auf Verleger einwirken und die Entstehung von Büchern beeinflussen.

Freud und Leid des Bloggen

Als erfolgreiche Bücher-Bloggerinnen haben Tami, Julia und Jessi Kontakt zu unterschiedlichen Verlagen. So fordern sie etwa Rezensionsexemplare an, werden aber auch selbst von Verlagen oder Self-Publishern angeschrieben. Ob ein Buch dann auch auf dem Blog landet, entscheidet oft die Kommunikation mit dem jeweiligen Gegenüber. Manche Verleger nehmen Influencer nicht ernst genug, man erhält unpersonalisierte Mails oder wird mit dem falschen Namen angesprochen. Allen dreien ist es aber wichtig, als Mensch und nicht nur als günstige Werbemethode gesehen zu werden. Den drei Bloggern ist es insbesondere wichtig, für das, was sie posten auch zu stehen und ehrlich zu teilen, wofür sie sich begeistern.

von Jasmin Kiechle

Marah Woolf, Greg Walters, Mira Valentin und Thorsten Simon berichtet ihren Erfahrungen und geben Tipps für das Entwickeln und Schreiben fantastischer Welten und Geschichten.

Fantasyromane erlauben den Lesern, aus dem Alltag zu entfliehen und in eine Welt der Magie einzutauchen. Die Spannbreite ist grenzenlos: In der Urban Fantasy tritt man in eine alternative Version der realen Welt ein, in der High Fantasy gleich in eine gänzlich neue Welt. Die Quellen der Inspiration sind vielseitig – historische Begebenheiten und Texte aber auch aktuelle Phänomene können der erste Anstoß zum Roman sein. Sowohl Marah als auch Greg unterrichten Geschichte und beziehen die Inspiration für ihre Romane aus dem Fachwissen. Mira besucht gerne Mittelaltermärkte, um erste Ideen zu finden und dann zu recherchieren.

Gut geplant, ist halb (das Herz der Leser) gewonnen

Die Autoren sind sich darin einig, dass sie nicht zu viel von der Geschichte im Voraus planen. Mira betont aber, dass es besonders wichtig sei, dass aber etwa Features wie Magie immer auch sinnvoll in die Geschichte einfügen.

Was im Voraus geplant wird, sind die Charaktere. Insbesondere die Hauptcharaktere müssen vorab skizziert und charakterisiert sein. Doch nicht nur die Protagonisten das Herz der Leser gewinnen – oftmals sind es gerade auch die Nebencharaktere, die dem Publikum ans Herz wachsen und später teilweise noch eigene Spin Offs bekommen. Gerade beim Entwickeln von Charakteren ist es laut Mira wichtig, mit Klischees zu spielen und diese bewusst zu verwenden, aber auch in Frage zu stellen.

Doch nicht nur die Geschichte ist wichtig, sondern auch die Wahl des Covers. Leser werden angelockt und erhalten einen ersten Eindruck vom Buch und bauen Erwartungen an den Inhalt auf. Das Cover kann schon auch als Visitenkarte eines Romans gesehen werden.

Interaktionen und Dialog erzeugen Reichweite

Abschließend sprachen die drei Autoren über Sichtbarkeit und die Verbindung zum Leser. Sie sind sich einig: Der Kontakt zum Leser ist wichtig und schafft Reichweite. Der Kontakt zu anderen Bloggern und die Interaktion mit dem Leser sind ebenfalls relevant.  Aber auch der Kontakt zu Autorenkollegen sollte gepflegt werden. Denn eine Kooperation mit anderen Autoren kann zu viel mehr führen als Konkurrenz. Neben Autorengruppen oder gelegentlichen Zusammenarbeiten gibt es aber noch viele weitere Möglichkeiten der Kooperationen. T

Sophie Passmann gibt mit Alte weiße Männer – Ein Schlichtungsversuch ihr Buchdebüt

von Claudia große Siemer

Um ihr rosarotes Buch kommt man als eingefleischter Literaturnerd auf der Leipziger Buchmesse 2019 nicht herum. Die Autorin und Radiomoderatorin Sophie Passmann gilt als neue Hoffnung des Feminismus und wird von einer Schar von Fans verfolgt. Man könnte auch von einer PassManie sprechen. Der Hype um ihr Buch ist fast grenzenlos. Auf der taz-Couch der Leipziger Buchmesse stellt Passmann sich der Kritik zu ihrem Debüt Alte weiße Männer – Ein Schlichtungsversuch stellt.

(c) Claudia große Siemer

Mit markigen Sätzen versucht Moderator Peter Unfried sie aus der Reserve zu locken. ‚Harmlos wie ein Sektfrühstück‘ (07.03.2019) lautet ein Verriss ihres Buches in der taz-Zeitung. Mit beeindruckender Souveränität geht die 25-jährige darauf ein und wehrt die Kritik wortgewandt ab. Fakt ist aber, dass die junge Autorin eine fragliche Methodik für ihr Buch anwendet – ein Punkt, den die taz-Journalistin Nadia Shehadeh herausarbeitet. Dort heißt es:

„Mit der plumpen Idee loszumarschieren, es gebe einen Prototypen „alter weißer Mann“, und diesen Typus erfüllt dann eigentlich keiner (…) ist an Bräsigkeit kaum zu überbieten.“

Vielleicht darf man Passmanns Buch jedoch nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit und logischer Stringenz lesen. Es wäre vielleicht enttäuschend. Unterhaltsam und vergnüglich ist Alte, weiße Männer auf jeden Fall. Wenn Passmann ihren Typus Mann mit dem „Delfin im Thunfischsalat“ vergleicht, so ist das nicht nur komisch, sondern auch ziemlich originell. Als Autorin für Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale hat sie zweifelsohne ihr Handwerk in puncto Sprachspiel- und witz gelernt.

Es wundert mich nicht, dass nach der Diskussion am Signiertisch eine Horde Fans Passmann auflauert. Ich bin eine von ihnen, halte mich aber dezent zurück. Als ich an der Reihe bin und mein Buchexemplar von Alte weiße Männer auf den Tisch lege, geschieht etwas Unverhofftes. „Uuups – Sorry!“, sagt Passmann etwas beschämt, aber mit einem Lachen. Kein Problem, denke ich und erwidere augenzwinkernd: „Das steigert doch nur den Wert meines Exemplars.“ Ich blicke auf den winzigen Fleck auf der ersten Seite meiner Ausgabe. Besonders hübsch finde ich es, wie sie nun einen kleinen Pfeil hinzumalt. So wüsste ich von nun an immer, wo ihre Spucke das Blatt traf. Ich bin ein wenig stolz über diese individuelle Widmung. Wer kann schon von sich behaupten, ein Buch zu besitzen, welches eine der humorvollsten Feministinnen des Landes mit ihrer Speichel-DNA signiert hat? In jenem Moment fantasiere ich, wie mein Exemplar in 50 Jahren in einem Auktionshaus versteigert wird. Es könnte durchaus sehr gewinnbringend für mich sein, überlege ich mir. Aber eigentlich hat das auch so einen Alter-weißer-Mann-Charakter…

von Stefan Katzenbach

Am 9. Februar 2016 bekam die Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert die Diagnose: Brustkrebs. In ihrem autofiktionalen Buch, „Tage wie Hunde“, das sie auf einer Lesung der Leipziger Buchmesse präsentierte, beschreibt sie die Folgen und den Umgang mit der Krankheit. Es ist aber auch ein Versuch, das Thema aus einer literarischen Perspektive zu fassen.

Es sei kein „privates Tagebuch“ , erklärt Schweikert im Gespräch mit ihrem Lektor Sascha Michel. Die Idee des Buches sei ihr zwar nach der Diagnose gekommen, sie wollte der Erkrankung aber stärker „literarisch“ begegnen. Eine reine Erzählung auf der privaten Darstellungsebene reichte deshalb nicht aus. Über die „gesellschaftliche Dimension“ der Erkrankung nachzudenken sei ihr wichtiger gewesen und darüber zu schreiben, wie Krebs in der öffentlichen Wahrnehmung thematisiert würde, auch wie die Medien über die Krankheit berichten. In ihren Augen reduziert man dort noch zu sehr auf den körperlichen Verfall betroffener Personen. Eine „notwendig andere Dimension des Menschen“ zu zeigen, das wolle sie erreichen. Distanz zu der reinen Körperlichkeit der Krankheit, diese Reflexion schaffe Freiräume für ein Nachdenken.

„Wie soll ich mit einer Kanüle im Arm kämpfen?“

Diese Frage stelle sich eins ums andere mal. Sich im Zustand körperlicher Erschöpfung gegenüber der Krankheit zu behaupten, sei so schwierig, dabei eine angemessene Sprache zu finden, gleichsam problematisch: Kann man den Verlauf einer Krebserkrankung wie eine klassische Heldengeschichte erzählen, an deren Ende die Heilung steht? Für Schweikert komme das alles nicht in Frage. Viele Elemente der Erkrankung würden so erst gar nicht thematisiert. Gefunden habe sie eine Sprache, die zugleich distanzlos sowie distanziert sei. Detailverliebte Beschreibungen wechseln sich mit Satzfragmenten ab, die eine Überforderung aller Beteiligten in und mit Situationen illustrieren. Kurznachrichten von und an die Ich-Erzählerin in kurzen, teils unvollständigen und grammatikalisch falschen Sätzen. Diese Wechsel seien für sie eine Möglichkeit, neben„einer Distanzlosigkeit“ zugleich eine „Distanz zur eigenen Geschichte“ zu halten, erklärt Schweikert ihre Herangehensweise.

Stets ist die eigene „Überforderung“ beim Formulieren der Sätze ein wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit, die „Nicht-Sinnhaftigkeit“ der Krankheit darzustellen. All das drängt unweigerlich Fragen auf: Warum trifft es mich, aber nicht die anderen? Zugleich auch: Wieso mich nicht, dafür aber andere? Die Idee zur Unterteilung der Geschichte in sieben Wochentage, die mit einem Dienstag beginnt, habe sie beim Besuch einer Ausstellung in Paris beschlossen, erklärt Schweikert. In dieser Ausstellung mit dem Titel „Dog days“ sind Arbeiten in 14 Räume nach Tagen und Nächten geordnet. „Dieses Ordnungsprinzip hatte mich überzeugt“, so die Schweizer Autorin. Und so habe sie auch ihr Buch benannt.

von Stefan Katzenbach

In seinem neuen Roman „Kein Wunder“ beschreibt der Autor Frank Goosen die amourösen Verwicklungen eines jungen Mannes, der in Berlin wohnt, aber aus Bochum stammt, und Ende der 80er Jahre sowohl in West- als auch in Ostberlin eine Freundin hat. Dass die Mauer fällt, ist für ihn daher ein Ärgernis. Der Autor sieht in dem Buch eine Komödie, wie er auf einer Lesung der Leipziger Buchmesse klarstellt.

„Das Ruhrgebiet war kurz davor, cool zu werden, besonders wegen der Filme von Adolf Winckelmann“

Wer Goosen nach der Motivation für seinen neuen Roman fragt, bekommt eine schnelle Antwort: „Ich hatte große Lust, mich mit den Geschehnissen Ende der 80er Jahre in Berlin und dem Ruhrgebiet auseinanderzusetzen und diese Welten dann in Beziehung zu setzen“. Interessant für ihn waren neben der damaligen Veränderungen seiner Heimatstadt Bochum auch die der gesamten Region. Gerade die „rauhe Schönheit“ der Region sei so faszinierend, die Schilderung des Ruhrgebiets diene ihm auch dazu „die Leute auf ihre Vorurteile hin zu befragen“, deswegen werde in einem Dialog des Romans explizit thematisiert, dass Bochum gar nicht so grau sei, wie immer alle sagen. Berlin habe nur letztlich „die größere Strahlkraft“ entwickelt, und das sei für das Ruhrgebiet „nicht gut gewesen“.

Spaß an den eigenen Figuren

Ähnlich bunt wie die Schilderungen der Städte Bochum, West- und Ostberlin ist auch der Text selbst. Die ausführlichen Charakterisierungen der Protagonisten und ihrer Gedankenwelten sowie die genaue Thematisierung der kulturellen und politischen Situation geben dem Text viel Tiefe. „Ich habe Spaß an meinen Figuren, es sind die Kernfiguren aus meinem vorherigen Roman, ‘Förster, mein Förster’“. Im Text seien deswegen insgesamt „sehr viele Motive“ zusammengekommen, erklärt Goosen. Die Figur des Roland Förster sei dabei von besonderer Bedeutung. Er ist ein Freund des eigentlichen Protagonisten Frank Dahlbusch, genannt Fränge, der mit Rosa in Ostberlin und Marta in Westberlin, zwei Freundinnen in zwei Republiken hat. Förster sei „unvoreingenommener als seine zwei Kumpels“, Fränge und Brocki. „Für ihn steht nie etwas fest, er steht immer dazwischen und kommt mit so einem beobachtenden Blick da rein.“ Beobachten und Sammeln, das sei für Goosen auch das Prinzip seines Schreibens. Schließlich ermögliche das Schreiben „aus einem Wust von Informationen eine Struktur zu destillieren“.

Die Welt schreibend ordnen

Das Schreiben biete für Goosen die Möglichkeit, die Geschehnisse in der Welt zu ordnen. Dies sei gerade in einer Welt wie der heutigen nicht immer einfach: „In dem Maße, wie alles globaler geworden ist, braucht man Sicherheit im Kleinen.“ Dass diese Sicherheit mitunter politisch heikel sein kann, etwa durch einen Heimatbegriff, der aktuell auch negativ konnotiert sei, dessen ist sich Goosen bewusst. Allerdings könne Heimat auch anders gedacht werden: „Mein Heimatbegriff ist ein einschließender, kein ausschließender“, erklärte er.

„Vorurteile gibt es auch im Westen“

Die Frage, ob angesichts aktueller politischer Ereignisse ein neuer Keil in das Verhältnis von Ost und West getrieben werde, betrachte er aus verschiedenen Blickwinkeln: „Ein neuer Keil würde ja bedeuten, dass vorher keiner da war. Es wird immer so getan, als wäre da kein Unterschied gewesen“ zwischen Ost und West. Natürlich sei aber die Gesellschaft damals bereits in verschiedene Klassen unterteilt gewesen. Wer das Gegenteil behaupte, verkläre die Tatsachen. „Die klassenlose Gesellschaft gab es nur von oben“, so Goosen. Auch deswegen sei für ihn die Behauptung, die AFD habe im Osten mehr Zulauf als im Westen, kein Beleg für Vorurteile in Ostdeutschland. Parteien wie die AFD hätten es bloß verstanden, diese im negativen Sinne zu schüren. Wie man solchen Parteien Einhalt gebieten kann? „Es hilft, wenn sie zwei bis drei Prozent verlieren. Rechtspopulistische Parteien können immer dagegen sein. Wenn sie zwei bis drei Prozent verlieren, dann müssen sie mal handeln und liefern.“